1. e4 Sc6 2. d4 d5

Dies ist die klassische Zugfolge im TDKS gegen 1. e4, die Niemzowitsch-Verteidigung. Sie galt bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als klar minderwertig, und wie im richtigen Leben haftet ein schlechter Ruf länger an als es gerechtfertigt ist. Gut für Schwarz, denn in den drei sich aus der Diagrammstellung ergebenden Varianten gibt es genügend Ressourcen für ein erfolgreiches Spiel für den Nachziehenden.

 

Weiß hat die Wahl zwischen 3. e5 (der Vorstoßvariante), 3. exd5 (der Abtauschvariante) und 3. Sc3 (der angeblichen Widerlegung des gesamten schwarzen Aufbaus). Fangen wir mit Letzterem an, denn wenn dies tatsächlich die Widerlegung wäre, bräuchte man sich mit den beiden anderen gar nicht zu beschäftigen.

1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. Sc3

Lange Zeit (im analogen Zeitalter der Eröffnungstheorie) galt diese Zugfolge als Widerlegung der Niemzowitsch-Verteidigung, und auch heute noch gibt es viele Spieler, die The Dark Knight System gegen 1. e4 wegen eben dieses Abspiels nicht anrühren. Dazu besteht jedoch wahrlich kein Anlass, dem zu einen kann sich Schwarz – so er gewillt ist, Risiken einzugehen und dabei die sich bietenden Chancen wahrzunehmen – das im Folgenden vorgestellte kritische Abspiel ruhig eingehen, zum anderen kann er ihm aber auch gezielt und ohne Nachteil ausweichen.

 

Das kritische Abspiel mit beidseitigen Komplikationen entsteht nach 3. … dxe4 4. d5 Se5. Ohne auf den Variantendschungel im Einzelnen hier schon einzugehen, sieht man dass Weiß besser entwickelt ist (beide Läufer können mit Angriffen – Lb5 und Lf4 – ins Freie gelangen, der Sc3 schielt nach b5, ein etwaiger Leichtfigurenangriff über b5 kann von der Dame via d4 unterstützt werden usw.). Der dark knight auf e5 steht mehr als wackelig (und wird dort auch nicht lange bleiben). Und dennoch: den Bauern e4 muss sich Weiß erst noch zurückholen (oder mit f3 ein echtes Gambit spielen), und gegen den Bauern d5 wird Schwarz mit e6 und c6 vorgehen. Man kann es durchaus so spielen, vor allem wenn man mit Schwarz auf Gewinn spielen will – muss es aber nicht. Die Alternativen sind 3. … e6 und vor allem 3. dxe4 5. d5 Sb8.

 

Ich empfehle die umgekehrte Reihenfolge: Spielen Sie zunächst ausgiebig die Variante 4. … Sb8 (GM Rainer Knaak nennt sie „Rückzug – zum Ausgleich“), bis sie hier ein gutes und sicheres Positionsgefühl entwickelt haben. Denn dann haben Sie eine Repertoire-Option, auf die sich insbesondere gegen taktisch stärkere Gegner zurückziehen können. Die Gewinnchancen in dieser Variante sind für Schwarz niedriger, das Verlustrisiko aber ebenso – ausgedehnte „Remis-Breite“ könnte man sagen. Knaak kommt gar zu der Schlussfolgerung, dass Weiß nach 4. … Sb8 keinerlei Vorteil hat, was somit auch für die angebliche Widerlegung 3. Sc3 gilt.

 

IM Andrew Martin empfiehlt dagegen bereits im dritten Zug mit e6 in ein originelles Französisch zu wechseln (mit französisch-untypischem Verstellen des schwarzen c-Bauern). Das sollten Sie probieren, sobald Sie mit der „Rückzugs-Variante“ Sb8 ein sicheres Repertoire-Fundament haben – oder Sie überspringen diese Option und gehen gleich zum taktischen Wild-West-Spiel in der (früheren) Hauptvariante 3. … dxe4 4. d5 Se5 .

1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. exd5

Mit dem Bauerntausch auf d5 löst Weiß frühzeitig die Spannung im Zentrum auf und hofft, durch Angriffe auf die schwarze Dame einen Entwicklungsvorsprung zu erzielen. Die steht aber auf d5 und später auf h5 (oder f5) gar nicht so schlecht, und nach langer Rochade drückt Schwarz gegen den (wegen der weißen Dame aufd1 häufig gefesselten) Bauern d4, beabsichtigt e7-e5 usw.

 

Hüten muss sich Schwarz vor der No-Return-Variante; sie lockt mit wunderbarem Mattbild im Erfolgsfalle, ist aber (leider) inkorrekt.

1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. e5

Die Vorstoßvariante ist hat in der Praxis die größte Bedeutung, wohl auch weil der Vorstoß des e-Bauern gerade dann naheliegend ist, wenn man die beiden anderen Varianten nicht kennt und am Brett nicht berechnen will. Außerdem sieht es auch ein wenig wie die französische Vorstoßvariante (1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5) aus, wobei Schwarz doch hier seinen c-Bauern verstellt hat (der französisch-typische Hebel nach c7-c5 ist so schnell nicht zu verwirklichen).

 

Schwarz hat aber dafür andere Möglichkeiten: der zweite französische Hebel f7-f6 ist weiter möglich, und vor allem ist der schlechte französische Läufer auf c8 hier mitnichten schlecht, weil noch gar nicht eingesperrt. Und damit das auch nicht passiert, wird er flugs nach f5 entwickelt – und irgendwie sieht das jetzt eher nach einem besseren als nach einem schlechteren Französisch aus.

 

In der Folge bekommt Schwarz nach meiner Erfahrung nur dann Probleme, wenn Weiß mit Lb5 den dark knight fesselt und nach kurzer Rochade den schwarzen Angriff am Königsflügel riskiert, um selbst am Damenflügel gegen den (in langer Rochade stehenden) schwarzen König vorzugehen. Ein typisches wechselseitiges Angriffsspiel mit entgegengesetzten Rochaden entsteht.